Dritte Startbahn

Die Dritte Startbahn beschäftigt nach wie vor die Gemüter in der Region - zu Recht, denn die über Jahre schwelende Unsicherheit, was denn nun passiert, lässt keine Ruhe einkehren. Ich habe das am eigenen Leib erfahren: Nachdem ich zum Direktkandidaten gewählt worden war, war die erste Frage, die mir ein Journalist zu politischen Inhalten stellte, tatsächlich: "Wie stehen Sie zur Dritten Startbahn?".

Ich bin gegen den Bau. Es sind zahlreiche Aspekte, die Für oder Wider die Startbahn sprechen: Arbeitsplätze, Bedarf, Standortstärkung, Flächenfraß, Lärmschutz, Naturschutz, Flugsicherheit - und das sind noch nicht alle. Der Grund, warum ich dagegen bin, ist aber hauptsächlich ein ganz einfacher: Ich verstehe nicht, warum sie nötig sein soll. 

Einige Jahre habe ich in England gelebt und bin noch heute relativ oft in London. Wenn ich dorthin will, fliege ich meistens nach Heathrow. Heathrow hat unter allen europäischen Airports das höchste Passagieraufkommen - da ist richtig was los. Heathrow hat aber nur zwei Startbahnen (früher waren es mehr - heute sind es nur noch zwei), nämlich 09L und 09R in Ost-West-Richtung. Der Münchner Airport ist nach Passagierzahlen auf Platz 9 in Europa. 

Was aber eigentlich zählt, sind nicht die Passagiere, sondern die Flugbewegungen: denn zwischen landenden und startenden Flugzeugen muss ein Mindestabstand (zeitlich und räumlich) eingehalten werden, also brauchen 100 Flugzeuge für jeweils 30 Passagiere mehr Startbahn-Kapazität als 10 Flugzeuge für jeweils 300 Passagiere, obwohl jeweils 3000 Passagiere befördert werden. 

Schauen wir uns also die Anzahl der Flugbewegungen an: Heathrow hat 2016 gut 473.000 Flüge durchgeführt (Quelle: https://www.heathrow.com/company/company-news-and-information/company-information/facts-and-figures), München im gleichen Jahr 394.000 Flüge (Quelle: https://www.munich-airport.de/verkehrszahlen-88506). Das sind 79'000 Flüge, fast 16%, weniger als Heathrow auf zwei Bahnen schafft. 

Wenn ich mit Befürwortern über diese Zahlen rede, kommt dann meistens das Argument "aber München hat ja ein Nachtflugverbot". Das ist so nicht richtig - München darf nachts nur beschränkt Flüge durchführen, und zwar in der Zeit zwischen 22:00 und 06:00. Heathrow hat eine vergleichbare Regelung für die Zeit von 23:00 bis 06:00. 

Das macht den Vergleich nicht einfacher, aber mit ein bisschen Rechnen kommt man dahinter. Heathrow führt in der dort beschränkten Zeit maximal 5800 Flüge pro Jahr durch (Quelle: https://www.heathrow.com/noise/heathrow-operations/night-flights) - also werden ungefähr 473.000-6.000=467.000 Flüge jedes Jahr, zwischen 06:00 und 23:00 durchgeführt - das ist eine Zeitspanne von 17 Stunden täglich, pro nicht beschränkter Stunde kann Heathrow auf seinen beiden Bahnen also 467.000 / 17 = 27.500 Flüge (ca.) pro Jahr abwickeln.

München ist von 06:00 bis 22:00, also 16 Stunden täglich, unbeschränkt. Auf den beiden Münchner Bahnen lassen sich in dieser Zeit also theoretisch 27.500 x 16 = 439.500 Flüge (ca.) abwickeln - das sind schon 10% mehr als 2016 durchgeführt wurden. Dazu kommen noch ca. 60 Flüge pro Nacht (Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Flughafen_M%C3%BCnchen#Nachtflugregelung - die Zahl ist von 2007, neuere Zahlen konnte ich nicht finden) - also 60x365 = 21.900, was die Gesamtkapazität auf gut 461.000 Flüge erhöht. München hat also noch mindestens 17% Kapazität zur Steigerung der Flugbewegungen, ohne dass die Nachtflugregelung erweitert oder eine dritte Startbahn gebaut werden müsste.

Auch fliegerisch lässt sich dieser Vergleich nicht entkräften. Heathrow liegt unweit zahlreicher weiterer Flughäfen: London City (mit Routen, die direkt in den Einflugschneisen von Heathrow liegen und sorgfältige Abstimmung brauchen), Gatwick im Süden von London, Stanstead und Luton im Norden. Der Münchner Airport ist aus der Luft hingegen weit weniger eingeschränkt.

Somit bleibt für mich die logische Konsequenz, dass eine dritte Startbahn erst bei abzusehender, deutlicher Steigerung der Flugbewegungen nötig wird.